Ah (Filmanalyse)

In diesem sehr speziellen Kurzfilm gibt es keine normalen LEGO Figuren, sondern nur einzelne Blöcke – und doch erkennt man die Charaktere.

Für meine Bachelorarbeit mit dem Titel Charakteranimation mit den Limitierungen der analogen Animation von LEGO-Figuren analysierte ich diesen Stop Motion Film. Hier findest du eine leicht abgewandelte Version dieser Filmanalyse.

Filmanalyse

Der Kurzfilm Ah vom südkoreanischen Studio Shelter entstand im Jahr 2011 unter der Regie von Lee Sung Hwan. Das ansonsten auf kommerzielle Projekte fokussierte Animationsstudio gelangte damit zu internationaler Bekanntheit, das Video wurde auf Vimeo bereits über 450.000 Mal abgespielt. Ihre Beschreibung des Kurzfilmes ist treffend:

„Combined units of colorful blocks. They act like people.“

Studio Shelter

Denn es gibt keine menschlichen Figuren, zumindest was das Aussehen betrifft. Hauptcharaktere sind einzelne LEGO-Blöcke sowie Buchstaben aus LEGO, die zusammen das Wort „Ahhhhh“ ergeben. Was das Video aber besonders macht ist, dass die einzelnen Steine und sogar die Buchstaben zu eigenständigen und menschlichen Charakteren werden. Gemeinsam erzählen sie in dem Video die alltäglichen und nicht ganz so alltäglichen Vorkommnisse in einem Häuserblock.

In der ersten Szene sind nur ein roter und ein blauer Block zu sehen, die sich aufeinander zubewegen. Natürlich spielt hier auch die Tonebene eine große unterstützende Rolle, aber selbst ohne Ton ist deutlich zu erkennen, dass es sich um ein Liebespaar handelt. Die Farben rot und blau legen ganz klischeehaft die Geschlechter fest, und die Bewegungen sowie deren Timing deuten auf die Handlungen der Figuren hin. So wird durch klug eingesetz- te Animation sogar einzelnen, einfarbigen LEGO-Steinen eine menschliche Persönlichkeit verliehen.

Mit der Buchstabenfolge „Ahhhhh“ erscheint ein weiterer Hauptcharakter, beziehungsweise sogar sechs. Schon durch den dynamischen Auftritt bekommt jeder Buchstabe eine eigene Persönlichkeit, wobei hier auch Disneys Animationsprinzipien ihre Anwendung finden. Das „A“ springt mit einer Squash&Stretch-Animation aus dem Boden – die letzte Pose wird übertrieben und die Figur ist für einen Frame einen Block höher, bevor sie auf die richtige Größe schrumpft. Die restlichen Buchstaben fliegen von rechts in das Bild und bremsen dann ab beziehungsweise prallen aufeinander. Hier wird das Prinzip von Slow Out und Overlapping Actionangewendet, wenn die Buchstaben abbremsen und sich der obere Teil durch den abrupten Stillstand nach links biegt und wieder zurückspringt.

Das Set von "Ah"
Das Set von „Ah“

Hier sind die Buchstaben zu sehen. Durch die an ihnen vorbeifahrenden Autos und das zuvor bereits vorgestellte Pärchen, das in dieser Szene in einem Buchstaben verschwindet, bekommt das Wort aber noch eine zusätzliche Bedeutung – es wird zu einer Reihe an Hochhäusern. Durch mini- malistische aber klug eingesetzte Animationen wird dies verdeutlicht. Wenn sich das Pärchen einem Buchstaben nähert, ändert der unterste Block seine Farbe wie eine sich öffnende Schiebetür. Die Charaktere verschwinden und die Tür schließt sich wieder zu einem schwarzen Block. Dieser Stein wandert dann nach oben und symbolisiert einen Aufzug, was durch die Tonebene noch unterstützt wird. Als nächstes geht das Licht in einem Zimmer an – ein Stein des grünen Hauses wird durch einen gelben ersetzt – und das ganze Haus beginnt sich zu bewegen. Hier wird das Prinzip der Exaggeration angewendet, um gemeinsam mit dem Ton den Liebesakt der beiden Charaktere darzustellen. Die LEGO-Steine des Hauses werden lose aufeinander gesteckt, um flexible kreisförmige Bewegungen in alle Richtungen zu ermöglichen.

Auch in anderen Teilen des Videos werden Disneys Animationsprinzipiensowie andere clevere Animationen eingesetzt, um die Handlung trotz der sehr reduzierten Charaktere und deren sehr eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten darzustellen. Als ein Charakter mit einer Pistole bedroht wird, wackelt der LEGO-Stein übertrieben aufgebracht herum und wird mit einem kleinen LEGO-Teil um ein Drittel höher gemacht, um die erhobenen Hände zu zeigen. Mit der selben Animation werden zuvor lachen- de Figuren sowie ein sich küssendes Pärchen dargestellt – die tatsächliche Bedeutung der Bewegung wird erst aus dem Zusammenhang ersichtlich, ist aber dann eindeutig zu unterscheiden.

Im weiteren Verlauf des Videos wird Bezug auf die Star-Wars-Filme genommen, etwa mit dem auftauchenden AT-AT Walker. Diese Fahrzeuge existieren zwar als detaillierte, offiziell lizenzierte LEGO- Star-Wars-Sets, doch wurden sie hier ganz im Stil des restlichen Videos aus nur wenigen grauen Blöcken nachgebaut. Da die Modelle über keine beweglichen Gelenke verfügen, werden sie für jede Pose neu- beziehungsweise umgebaut. Die Schüsse der Laserkanone wurden in der Nachbearbeitung digital ergänzt, während die Explosionen der getroffenen Fahrzeuge mittels praktischer Effekte realisiert wurden. Für die Explosion wurde ein Auto im Moment des Aufpralls des digitalen Lasereffektes in zwei Teile geteilt und ein Stück Watte in der Mitte platziert. In den darauffolgenden Frames zerbricht das Fahrzeug immer weiter, während sich die Watte in kleinere Stücke teilt und ausbreitet. Sowohl der Laser als auch die Wolke der Explosion hätten auch mit LEGO-Teilen dargestellt werden können, doch zeigt dieses Beispiel, dass LEGO-Animationen sehr wohl mit anderen Materialien und Techniken ergänzt werden können.

Auch bei dem folgenden Duell werden die Lichtschwerter mit einem digitalen Leuchten dargestellt. Die darin vorkommenden Charaktere – ein brauner Stein als Jedi, ein schwarzer Stein als Sith sowie mehrere weiße Steine als Stormtrooper – sind einem mit den Star-Wars-Filmen vertrauten Zuschauer in diesem Kontext sofort ersichtlich, obwohl sie lediglich durch einzelne, einfarbige Steine repräsentiert werden.

Die Kamera ist in allen Einstellungen statisch, also ohne Schwenks, Zooms oder Kamerafahrten. Zusätzlich wurde der Großteil des Videos ohne Schnitt gedreht. Somit ist der Schriftzug „Ahhhhh“ durchgehend in der Mitte des Bildes zu sehen. Lediglich am Anfang und Ende des Videos wird zwischen verschiedenen Einstellungen geschnitten. So beginnt das Video mit einigen Close-Ups, um dann stufenweise auf größere Einstellungen zu schneiden und schließlich bei der für den Rest des Videos vorherrschenden Totalen der Buchstaben/Häuser zu landen. Am Ende wechseln sich dann nahe und weite Einstellungen ab, bis das Video schließlich von einer den Bildausschnitt füllenden LEGO-Wand beendet wird.

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